[Projekt] Projekt Blickkontakt: Flucht kommt in fast jeder Familie vor

[Projekt] Projekt Blickkontakt: Flucht kommt in fast jeder Familie vor

Während meines Studiums besuche ich nicht nur Vorlesungen und schreibe Klausuren, nein ich nehme auch an Projekten teil und die Organisation und Ausarbeitung ist unsere Leistung, die benotet wird. Jetzt gerade habe ich Semesterferien, aber im letzten Semester habe ich mit 11 anderen Studierenden gemeinsam ein Projekt bearbeitet und dies erfolgreich abgeschlossen. Habt ihr je überlegt, was Flüchtlinge alles auf ihrer Reise durchmachen müssen, bevor sie an ihr schützendes Ziel kommen? Oder was sie dann am Ziel erfahren? Schutz? Zuflucht? Und Diskriminierung? Und habt ihr je darüber nachgedacht, dass diese Flüchtlingskrise nichts Neues in Deutschland ist? Dass vielleicht eure Großeltern damals aus der DDR oder aus Schlesien flüchten mussten und ebenfalls Fluchterfahrungen gemacht haben? Nein? Flucht kommt in fast jeder Familiengeschichte vor.

Angelika Bittner in der Schule
Angelika Bittner in der Schule

Zwischen Schweidnitz und Brake liegen 750km voll von Gefahren für ein kleines Mädchen. Eine Geschichte über Flucht und über die Willkommenskultur in der neuen Heimat.

Angelika Schumacher, geb. Bittner. 15.02.1931

Ich lebte mit meinen Eltern und einigen Geschwistern in Schweidnitz in einem Einfamilienhaus, damals gehörte das zu Schlesien. Heute ist das Polen. Ich habe 18 Geschwister und bin die Drittjüngste. „Lieber eins auf dem Kissen, als auf dem Gewissen“, pflegte meine Mutter zu sagen. Das erste Kind wurde 1906 geboren und das Letzte 1935. Dafür bekam sie das Mutterkreuz verliehen.

In den Kriegswirren, in diesen unsäglich chaotischen Zeiten, waren wir alle verstreut. Wir Jüngsten waren nicht mal alle zusammen. Es waren welche arbeiten, in ganz Deutschland verstreut, bei Soldaten in Gefangenschaft. Ein paar waren auch schon gefallen, zum Schluss waren es vier. Gestorben für Führer, Volk und Vaterland.

Die ersten Flüchtlinge kamen damals zu uns aus Oberschlesien. Die mussten eher weg als wir, da sie direkt an Polen waren. Wir hatten auch eine Familie bei uns zu Hause, aber nur kurz. Die wollten weiter und sagten uns, wir müssten auch noch weg. Das war mein erstes Erlebnis mit Flüchtlingen. Ich war 13.

Wir sind dann evakuiert worden, weil die Front schon in Breslau war. Keine 60 Kilometer von uns entfernt. Wir haben Kanonendonner und Schießen gehört. Das war genau der 15. Februar 1945, mein 14. Geburtstag. Es war eiskalt, es lag viel Schnee und Eis und wir wurden mit offenen Güterwaggons ins Sudetenland gebracht, 500 Kilometer von unserer Heimat entfernt. Wir waren eine große Gruppe, da viele Geschwister mit Familie nach Hause gekommen sind oder Schwägerinnen und Schwestern, da deren Männer im Krieg waren. In Braunau wurden wir ausgeladen und kamen in ein leergeräumtes Gefangenenlager und konnten dort auf dem Fußboden schlafen. Unser Vater war nicht dabei. Er war Eisenbahner und es fuhren noch Züge, deshalb durfte er nicht weg.

Als ich einmal rausging mit meiner älteren Schwester Annemarie, kam ein Trupp deutscher Soldaten vorbei, die durch den Ort marschierten. Wir sind in diesem Lager, in das wir reingestopft wurden, vergessen worden. Sie hat den Soldaten, der vorne wegmarschiert ist, gefragt, ob er uns helfen kann, da sich niemand um uns kümmert. Der Soldat sagte: „Wenn Sie nicht sofort zur Seite gehen, stell‘ ich Sie an die Wand!“.

Wir sind auf eigene Faust abgehauen, es fuhren noch Züge. Meine jüngeren Geschwister Helga und Hermann wurden zu Verwandten ins Glatzer Bergland gebracht. Ich wurde von meiner Mutter und Annemarie zu Verwandten nach Schönthal bei Mittelwalde gebracht. Ich habe erlebt wie die Russen in Schönthal einmarschierten. Die haben gehaust wie die Schweine, wie die Barbaren.

Im Juni habe ich es da oben nicht mehr ausgehalten, da ich nichts von zu Hause gehört hatte. Die Mutter meiner Schwägerin sagte nur: „Ja Madle, das kannst doch nicht machen, da sind überall die Russen.“ Aber ich wollte unbedingt nach Hause und sie hat sich erweichen lassen und mir ein paar Pakete Brote geschmiert und gesagt, ich solle gut auf mich aufpassen. Da bin ich losmarschiert.

Außer den Broten hatte ich kein Gepäck bei mir. Irgendwo habe ich einen Zug erwischt, aber dann musste ich wieder laufen. Ich war jedoch nie allein auf meiner Reise. Die restlichen Menschen in Deutschland waren alle unterwegs, alle wollten nach Hause. Ich habe mich Familien angeschlossen. Die Nächte haben wir meistens in leerstehenden Gaststätten verbracht. Ich bin immer gleich hinter die große Tür und habe mich da versteckt. Ich war nicht groß, hingekauert habe ich mich da. Wenn die Russen kommen sollten, würde die Tür nach innen aufgehen und ich steckte da hinter und wäre sicher.

Drei Tage war ich unterwegs, dann war ich wieder zu Hause in Schweidnitz. Mutter und Vater waren überrascht mich zu sehen. Denen ging es auch nicht gut, die Russen waren schon da und hatten das Haus durchwühlt. Vater hat meine Sachen dann irgendwann aus Schönthal geholt. Als er mit dem Zug nach Hause fahren wollte, wurde er von Polen überfallen und verhauen. Der Koffer war weg. Wir waren Freiwild.

In Schweidnitz musste ich arbeiten, es gab viel zu tun. Es gab Laufmelder, Deutsche, die überall in die Häuser gingen und guckten, ob noch Leute da sind, und ob junge Deerns da sind, die mithelfen können. Wir mussten bei den Russen aufräumen. Heidi und ich waren einmal dabei aufzuräumen, als wir merkten, wie die Russen um uns herumschlichen. Da kam einer mit einer Wodkaflasche und Gläsern in das Zimmer. Er wollte anstoßen und sich an uns ranmachen. Wir sagten, wir trinken keinen Schnaps. Dann ging er nochmal nach nebenan. In der Zeit haben wir schnell das Fenster aufgemacht und sind rausgesprungen. Heidi hatte sich den Fuß verknackst, aber wir haben zugesehen, dass wir wegkommen.

Ein anderes Mal kam wieder ein Laufmelder. In der Stadt wollte ein Pole ein Geschäft aufmachen und die Wohnung beziehen, die ganz verwüstet war. Ich sollte dort allein aufräumen. Irgendwann musste ich zur Toilette und bei diesen großen Mietshäusern waren die Toiletten auf dem Flur, aber ich war eingesperrt. Der Fußboden lag voll Geschirr, Töpfe, Pfannen… da habe ich mir irgendeinen Topf gesucht und habe das mit all dem Zeug aus dem Fenster geschmissen. Gegen Abend kam der Pole und er brachte Abendbrot. Und einen Schnaps. Ich war 15. So wie der Schnaps unten war, habe ich gekotzt, ihm vor die Füße. Und was hat der gemacht? Der hat mich bedrängt und gesagt, er will mich heiraten. „Weißt du wie alt ich bin?! Ich bin 15! Mit 15 heirate ich nicht!“. Es wurde dunkel, es war schon nach 22 Uhr und wir Deutschen hatten Ausgangssperre nach 22 Uhr. Ich habe den Mann angebrüllt: „Tür auf!“. Wie ich nach Hause kam, war Vater ganz erschrocken, aber eher konnte ich nicht weg, ich war doch eingeschlossen.

Die Vertreibung fand schließlich per Mundpropaganda statt. Es wurde gesagt, wir müssen weg. Dann hieß es, wir können bleiben, weil der Ami kommt und die Russen raus jagt. Wir haben auf den Ami gewartet, der kam aber nicht. Annemarie wollte mich und Helga nach Sachsen zu einer anderen Schwester bringen. Das war unsere Flucht über die erste grüne Grenze. Wir sind Schleichwege gegangen, meist Feldwege und Wälder, mit so einem Wäschekorb auf Rädern, wo unsere Habseligkeiten drin waren.

In einem Wald standen plötzlich Russen vor uns. Sie drohten uns. Wir wurden durchsucht und beklaut. Ich hatte ein Buch über Hollywood-Schauspieler dabei und eine kleine Puppe. Beides war weg. Für mich war das was. Dann haben die uns in ein leeres Haus gesperrt. Wir schliefen auf dem Boden und als wir am anderen Morgen merkten, von denen ist gar nichts mehr zu hören und zu sehen, sind wir da schnell raus. Wir sind weitergelaufen, bis wir einen Bahnhof fanden. An der Grenze von der Sowjetzone in die Englische Zone sind wir durch die Meißel, zu Fuß. Unsere Sachen hochgehalten und durch. Ach, das klingt alles so, als würde das flott hintereinandergehen, aber es ging nicht flott. Es hat immer Tage und Nächte gedauert.

Von dort sind wir dann mit dem Zug nach Hannover gefahren. Von Hannover sind wir weiter nach Niederort. Hannover war ein großer Sammelpunkt und die Züge waren immer voll. Man hat nie einen Platz zum Sitzen bekommen. Im Zug stand ich angelehnt und alles war voll und ich bin umgekippt und habe geschlafen, bis wieder eine große Haltestelle kam und wir umsteigen mussten. Ich habe nicht gedacht und nicht gegrübelt. Ich war einfach nur müde. Total erschöpft. Denken, was wird und wohin man kommt? Nein. Man wusste doch gar nichts. Man konnte nur warten, was kommt. Und es kam auch nichts Gutes.

So sind wir hier hergekommen. Annemarie mit uns, über zwei grüne Grenzen. Das war nicht „in den Zug steigen und los“. Es waren viele Deutsche unterwegs, ganz Deutschland war wohl auf den Beinen. Man fragte sich überall so durch und dann ging das. Große Katastrophen haben wir nicht erlebt, das kann ich sagen. Die Deutschen haben sich alle gegenseitig geholfen. Wir waren alle irgendwie am Boden und waren froh, wenn wir wieder irgendwo ankamen.

Und dann waren wir hier. Vater, Mutter, Hermann, Heidi und Maria waren mit dem Güterzug hergebracht worden. In Brake sind sie ausgestiegen und wurden verteilt. Einheimische standen auf dem Bahnhof, und die sollten sich Flüchtlinge aussuchen, die sie mit nach Hause nehmen wollten. Wir wurden nach Niederort gebracht. Hier gab es überhaupt keine Willkommenskultur, im Gegenteil. Uns hätte man am liebsten wieder weggescheucht, obwohl wir Vertriebene waren. „Du bist nichts wert, du bist gar nichts. Du bist ja nur ’ne Deutsche. Musst froh sein, wenn sie dich nicht gerade umlegen.“ So war es. Wir waren nur Deutsche. Die Menschen hier, die waren alle gegen uns. Den Krieg hatten nur wir verloren. Die Menschen hier nicht. Die waren zu Hause geblieben und wir mussten unsere Heimat weggeben, die wurde verschenkt. Also hatten wir doch auch den Krieg verloren.

Wir kamen auf einen großen Bauernhof. Die wollten uns ebenso nicht, wir wurden zugeteilt. Unten waren zwei Flüchtlingsfamilien und wir kamen nach oben auf den Getreideboden. Der lag voll Getreide. Da liefen auch Mäuse rum, mitunter auch Ratten. Leitungswasser war unten bei der Bäuerin in der Küche. Das war für uns aber strengstens verboten. Wir haben uns in dem Raum, in dem wir lebten, eine Ecke mit einer Wolldecke abgeteilt, hinter der hatten wir unsere Waschschüssel.

Das Wasser, das hat unser Vater aus dem Graben geholt und er hat im Stall eine Reinigungsanlage gebaut. Man kann Wasser reinigen, aber es dauert lange. Er hat sich die Anlage gebaut und eh dann so ein Eimer durch das Tropffass sauber war, dauerte es mindestens ein bis zwei Stunden. Er war ja auch schon alt und dann hat er mal eine ganze Zeit dabei gestanden, ist aber auch mal nach oben gegangen und hat sich hingesetzt. Wenn er dann wieder runterkam, lag Kuhscheiße in dem sauberen Eimer.

Weil Vater Eisenbahner war, hatte Mutter die Uniform mitgebracht und weil er 63 war, ist er hier von Bahnhof zu Bahnhof gegangen und hat gefragt, ob ihn jemand gebrauchen kann. Das war aber nicht so und unsere Mutter hat die Uniform draußen an die Leine gehängt zum Lüften und als sie die dann später wieder reinholen wollte, da war sie voll Kuhscheiße.

In der Zeit, in der wir dort lebten, konnten wir nicht alle zu Hause bleiben. Wir mussten auch arbeiten, sonst wären wir verhungert. Ich war viel in der Landwirtschaft, habe dort gewohnt, gearbeitet und habe da auch immer zu Essen bekommen. Als ich es satt hatte in der Landwirtschaft zu arbeiten, weil ich nur ausgenutzt wurde und den versprochenen Lohn nicht bekam, habe ich nach etwa einem Jahr gekündigt.

Danach habe ich drei Jahre in der Strickerei in Brake gearbeitet. Wir mussten vom Bauernhof zu Fuß zum Bahnhof nach Oberhammelwarden, den Weg sind wir singend marschiert. Im Zug nach Brake haben wir auch gesungen und vom Braker Bahnhof sind wir zu Fuß zur Kaserne, dort war die Strickerei. Wir hatten einen weiten Weg und wir waren etwa fünf Flüchtlingsmädchen. Wir hatten Stundenlohn von wenigen Groschen. Die Woche waren es vielleicht 20 Mark. Wir haben Akkord gearbeitet und wenn man gut war, dann kamen schon mal 25 Mark raus.

Meinen Alfred habe ich im Zug auf dem Weg nach Brake zur Strickerei kennengelernt. Wir sind uns oft begegnet und er war hartnäckig. Als wir irgendwann Kinder bekamen, fühlte ich mich nicht mehr als Flüchtling.

1999 waren Heidi und ich noch einmal in Schweidnitz. Das heißt nun Swidnica. Unser Haus steht noch und es wohnte eine junge Polenfamilie dort. Schlesien war sehr schön und hoch entwickelt. Ich habe meine Heimat verloren und meine Sprache, weil wir dafür in Brake gehänselt wurden. Ich war wütend darüber, aber wir haben uns still und leise angepasst und integriert und ich habe Platt gesprochen, anders ging es nicht. Brake wurde zu meiner neuen Heimat.

Meine Großtante hatte Glück, dass ihre Fluchtgeschichte noch relativ ungefährlich verlief und ihr nichts passiert ist. Das kann auch ganz anders ausgehen. Am Ende des Projektes haben wir eine Lesung veranstaltet, bei der einige unserer Geschichten vorgetragen wurden. Die Geschichte meiner Großtante war leider nicht dabei, aber ich durfte eine sehr dramatische Geschichte vorlesen. Wer sich für die weiteren Geschichten interessiert, kann gerne auf unserem Projektblog vorbeischauen und ein bisschen stöbern. Neben unseren Fluchtgeschichten gibt es dort auch viele allgemeine Informationen in Form von Artikeln zu lesen. –> hier entlang!

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Das Projekt hat mir viel Spaß gemacht und hat meinen Horizont definitiv auch erweitert. Zuerst einmal kannte ich meine Großtante nicht und das, obwohl sie im gleichen Ort wie meine Eltern wohnt. Und zusätzlich ist man sich auch nicht so dessen bewusst, dass Flucht so präsent ist, auch in der eigenen Familie. Ich bin froh, dass ich an diesem Projekt teilgenommen habe, da man sonst wohl nicht dazu kommt, seine Verwandtschaft über deren Vergangenheit und die Familiengeschichte zu befragen. Meine Großtante fand es übrigens auch ganz toll, weil sich jemand für diese Geschichte interessiert und sie wahrscheinlich die letzte aus der Familie ist, die das alles hätte erzählen können und auch noch so viele Bilder hat. :)

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