[Journalismus] Obdachlos und unabhängig

[Journalismus] Obdachlos und unabhängig

In meinem Studium habe ich gelernt, wie man Texte verfasst. Ganz verschiedene, wie Reportagen, Meldungen, Nachrichten, Features oder Servicetests. Ich habe für einige Monate bei der Campuszeitung mitgearbeitet und dort einen Text über Obdachlosigkeit geschrieben. Die Recherche dazu war unglaublich lehrreich. Nicht nur in Bezug auf den Journalismus und das Lernen über die Recherche an sich. Ich habe auch persönlich einiges gelernt. Das Thema Obdachlosigkeit ist ein Thema, mit dem man sonst wenig Berührung hat. Vorstellen, wie es ist, obdachlos zu sein, kann man sich sowieso nicht.

Wer von euch hat sich denn schon einmal mit einem Obdachlosen so richtig unterhalten? In der Regel sind das sind die wenigstens. Das soll absolut kein Vorwurf sein, allerdings habe ich einiges dabei gelernt. Diese Erfahrung war etwas ganz Besonderes. Manchmal fallen bei der Arbeit Texte ab, die ich aber für das Studium nicht benutzen kann. Ich finde sie aber trotzdem gut. Hier möchte ich euch so einen Text zeigen. Gerne könnt ihr euch auch den Text durchlesen, der in der Zeitung abgedruckt wurde, den findet ihr hier. :) Auch findet ihr oben unter dem Reiter „Journalismus“ weitere Texte. Darunter beispielsweise eine Reportage über Kinderleukämie.

Viel Spaß beim Lesen und ich freue mich immer über Feedback oder eure Meinung dazu! :)

Ist es vielleicht doch besser eine feste Wohnung zu haben und sich in Abhängigkeit zu begeben und dafür seine Gesundheit zu erhalten?

Anton* sitzt allein am Tisch, liest die Zeitung von heute und trinkt einen Kaffee. Schwarz. Jedes Mal, wenn jemand den hellen Raum mit den vielen Tischen betritt, blickt er auf. Er kennt ein paar Leute, aber diesen Mann, der gerade hereinkam, kennt er nicht. Er kann ja auch nicht alle kennen. Es ist schon so lange her, dass er wie sie war. Obdachlos. Heute ist alles anders, denn heute hat er eine Arbeit und ein Dach über dem Kopf. Anton ist 49 Jahre alt. Damit fällt er laut Statistikbericht der Diakonie von 2011 in die Hauptgruppe der Hilfebedürftigen: Männer im Alter zwischen 27 und 60 Jahren. Er lebte etwa fünf Jahre lang auf der Straße.

Obdachlos, nicht nur wohnungslos, das betont er: „Das sind zwei unterschiedliche Geschichten.“. Der Unterschied liegt darin, dass Wohnungslose die Möglichkeit haben bei Freunden oder Familie unterzukommen. Manchmal bis sie wieder auf eigenen Füßen stehen. Manchmal aber auch nicht. So wird ein Wohnungsloser zum Obdachlosen, wie Anton es war. Die Diakonie beschreibt was es heißt obdachlos zu sein: sich nicht richtig ernähren, waschen und schlafen können, keine sicheren Platz für die persönliche Habe, keine postalische Adresse und keine partnerschaftliche Beziehung haben. Von gesellschaftlichen Bezügen ist man ausgegrenzt.

Lebenskrisen können Obdachlosigkeit auslösen

Ursprünglich kommt Anton aus der Lüneburger Heide. „Ich bin auch noch drogenabhängig und habe eine Therapie gemacht und bin dann vor zehn Jahren hier hängengeblieben.“, erzählt er. Die Therapie hat geholfen. Vorerst. Dann kam der Absturz. Mit Wille und Disziplin habe er sich allein da rausgezogen, wie er sagt. Doch man müsse es wirklich wollen. Die Hilfe, die Obdachlosen angeboten wird, ist vielfältig. Je nach Hintergrund der Hilfebedürftigen muss sie das auch sein. Drogenabhängigkeit ist nur ein möglicher Grund. Psychische Krankheiten können ebenso zu Obdachlosigkeit führen, wie beispielsweise familiäre Schwierigkeiten.

Maria Mählmann, Mitarbeiterin im Tagesaufenthalt in Nordenham, weiß, dass Obdachlosigkeit durch Lebenskrisen ausgelöst werden könnten, die nicht gemeistert werden können: „Oft ist es so, dass ein Beziehungsabbruch, in welcher Form auch immer, ob zum Elternhaus, zum Partner, stattgefunden hat und dann gibt es eine Lebenskrise.“. Anton ist der Überzeugung, „solange man sich als Obdachloser an diese Dinge nicht rantraut, also an sich selber, kann einem auch kein anderer helfen.“. So vielfältig die Angebote auch sein mögen, man müsse zuerst herausfinden, was man überhaupt will. Stephan (Name geändert) ist 47 Jahre alt und er war ebenfalls obdachlos, etwa ein Jahr lang. Sein Vater starb und die Situation überforderte ihn: „Ich wollte raus aus der Gesellschaft, keinen Briefkastenschlüssel mehr haben.“.

Laut der Diakonie finanziert das Land Niedersachsen in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt mindestens eine Ambulante Beratungsstelle. Diese wird meist als „Ambulante Wohnungslosenhilfe“ (AWH) bezeichnet. Für den Raum Wesermarsch liegt diese, neben dem Tagesaufenthalt, in Nordenham. Die nächsten Beratungsstellen liegen in Bremerhaven, Bremen oder Oldenburg und alle werden von der Diakonie verwaltet. Die AWH bietet Beratung an und hilft Obdachlosen eine Wohnung zu vermitteln.

Der Tagesaufenthalt bietet, neben der Beratung, Hilfe bei alltäglichen Dingen. Es wird ein Schutzraum geboten, in dem Obdachlose, abgeschirmt vor der Öffentlichkeit, essen, duschen und ihre Wäsche waschen können. Weiterhin werden Angebote zur Freizeitgestaltung geboten und die Kommunikation untereinander ist wichtig, wenn man sonst keine Bezugspersonen hat. Allerdings helfen sich die Obdachlosen auch untereinander sehr stark, so Gisela Rosenboom, Dipl. Pädagogin in der AWH. Der Tagesaufenthalt dient zusätzlich als postalische Anschrift, denn ohne eine Anschrift können Obdachlose keine Hilfe von Ämtern geltend machen. Wenn sie das denn möchten.

Anton weiß, die Situation zwischen Obdachlosen und Ämtern ist nicht leicht. „Als Obdachloser hat man immer einen leichten Vorbehalt gegen Behörden. Man ist es gewohnt selber auf der Straße klarzukommen und dann sitzt man in einem Büro und plötzlich ist die Selbstbestimmung zu Ende.“. Wenn man sich in so einer Situation falsch verhält, erzählt er weiter, müsse man entweder etwas tun, was einem vielleicht nicht gut tue oder was man nicht möchte, ansonsten bekomme man Ärger. Aus diesem Grund war es für ihn eine Zeit lang nicht schlimm obdachlos zu sein. Er wollte lieber unabhängig, als ohnmächtig gegenüber dem Staat sein. Stephan hingegen erzählt mit erhobenem Kopf, nie gebettelt zu haben: „Ich hatte den Tagessatz, damit musste ich klarkommen, ich habe nie geschnorrt, da war mein Stolz zu groß.“.

Der Winter ist am härtesten

Als Schlafmöglichkeiten dienen Friedhöfe, Keller, leerstehende Häuser, abgewrackte Autos oder Gebüsch, erzählt Anton. „Im Winter war das schon irgendwie schlecht, da war das gut, wenn man was Festes hat.“. Stephan hat am liebsten im Wald übernachtet: „Da bist du sicher, da laufen keine Leute rum.“. Auch im Winter helfen Einrichtungen wie der Tagesaufenthalt, indem witterungsfestes Equipment ausgegeben wird. Dies macht es den Obdachlosen möglich, auch bei Kälte und Nässe draußen zu übernachten. Mählmann erzählt jedoch, dass die meisten Obdachlosen in Nordenham nicht draußen übernachten müssen, „dann können sie in die Obdachlosenunterkunft gehen.“. Die Obdachlosenunterkunft bietet neben einer Gemeinschaftsküche und einem Wohnzimmer mit Fernsehgerät, einen Schlafsaal mit sechs Betten an. Außerdem gibt es ein gesondertes Zimmer für Frauen mit zwei Betten, was damit zusammenhängt, dass es weniger obdachlose Frauen als Männer gibt.

Wenn Stephan sich aussuchen könnte, wie sein Leben nun wäre, dann würde er in Südfrankreich Eis verkaufen. In einem ganz kleinen Kuhdorf, „sowas wie Esenshamm.“, sagt er. Trotzdem ginge es mittlerweile bergauf in seinem Leben. Dennoch kann es vorkommen, dass Obdachlose der Natur nicht trotzen können und sie Opfer ihrer Situation werden. Jemanden, den Anton direkt kannte, hat er so nicht verloren, aber man bekomme das schon mit, sagt er, „und das belastet einen auch. Dann kommt doch wieder die Überlegung, ob es vielleicht doch besser ist, dass er eine feste Wohnung hätte und sich in Abhängigkeit begibt, um dafür seine Gesundheit zu erhalten.“. Ein möglicher Wendepunkt für Anton, aber nicht zwangsläufig für andere, die obdachlos sind.

Heute hat Anton Frau und Kinder – eine Familie. Ab und zu kommt er noch in den Tagesaufenthalt, liest Zeitung und trinkt einen Kaffee. Schwarz. Dann denkt er an alte Zeiten und ist, trotz Abhängigkeit zum Staat, froh, dass die alten Zeiten vorbei sind.

*Der Name wurde geändert

Der Tagesaufenthalt in Nordenham braucht immer Unterstützung und nimmt gerne ehrenamtliche Mitarbeiter auf. Bei Interesse kann man sich unter folgender Telefonnummer melden: 04731 88545.

Foto von Timo Werner www.fotohochol.de

 



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