Patrick ist vier als er das erste Mal an Leukämie erkrankt.

Wände und Boden sind weiß, die Betten bezogen mit weiß-blau gestreiften Bettbezügen. Es riecht nach Desinfektionsmittel vom Spender direkt neben der großen Tür. Auf dem Flur vor dem Zimmer hört man Menschen laufen, ein Kind weint und es wird nach einer Schwester gerufen. Um nicht auf dem kalten Boden zu sitzen, hocken die beiden Jungs im Schneidersitz auf dem Bett. Die Kabel vom Nintendo 64 hängen quer durch das Zimmer, denn der Fernseher hängt weit oben. Patrick und sein Zimmergenosse spielen den ganzen Abend Mario Kart. Sie lenken sich von der sterilen Krankenhausatmosphäre ab. Davon, dass sie beide sehr krank sind.

Patrick ist vier Jahre alt und an Leukämie erkrankt, wie laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts etwa 13.500 Menschen im Jahr 2011.
Leukämie wird auch „weißer Krebs“ oder Blutkrebs genannt. Die weißen Blutkörperchen sind stark vermehrt und man hat zu wenig rote, funktionierende Zellen.

Sein Spielgefährte wird am nächsten Tag für eine Operation abgeholt. Sie verabreden sich noch zum Mario Kart spielen, sobald er sich erholt hat. Der kleine Junge kommt jedoch nicht wieder, denn er ist während der Operation gestorben. Dieses Schicksal ereilt viele Leukämiepatienten. Das Universitätsklinikum Heidelberg stellt eine Heilungschance von 60 bis 80 Prozent in Aussicht, ist man das erste Mal krank. In den 70er Jahren hielt man diese Krankheit noch für tödlich und unheilbar. Die Chancen haben sich verbessert, aber sie stehen nicht bei allen Leukämiearten gleich gut. Patrick hat akute lymphatische Leukämie (ALL), diese Form tritt sehr häufig bei Kindern auf. Durch eine Chemotherapie übersteht er diese Krankheit. Ein Hochgefühl, dass man es geschafft hat, gibt es nicht. „Es gab ja keinen Punkt, wo man wirklich durch war.“ erklärt Patrick, denn die Folgeuntersuchungen werden mit der Zeit weniger, das laufe einfach so aus.
Viele Patienten werden rückfällig, diese Rate beläuft sich laut dem Universitätsklinikum Heidelberg auf 50 bis 60 Prozent und das bereits in den ersten zwei Jahren. Patrick hatte nie darüber nachgedacht, dass er wieder krank werden könnte.

Fünf Jahre später – Patrick ist jetzt neun Jahre alt und geht zur Grundschule – erkrankt er wieder an Krebs. Nach einem Rückfall sinkt die Überlebenschance um mehr als die Hälfte. Jetzt weiß Patrick aus Erfahrung, dass man an dieser Krankheit auch sterben kann. Nie wieder konnte er mit seinem Zimmergenossen spielen. Angst hatte er schon, aber „man versucht für seine Eltern stark zu sein“, erzählt er. Tagsüber ist das leichter, denn „Monster kommen nachts raus.“.

Die Krankheit hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.“

Heute ist Patrick 23 und hat den weißen Krebs zwei Mal besiegt. Er spricht offen über die Erfahrungen, die er als Kind gemacht hat und ist dankbar, dass es die Möglichkeit der Chemo gibt, „denn sonst würde ich jetzt nicht hier sitzen.“. Patrick möchte, dass andere erfahren, dass es gut ausgehen kann und Mut machen. „Die Krankheit hat mich so gemacht, wie ich heute bin“ sagt er. Trotz allem merkt er, dass er einmal krank gewesen ist. Einige Nebenwirkungen der Medikamente werden ihn immer begleiten. Lactoseintoleranz, kaputte Schleimhäute im Magen-Darmtrakt, grippale Infekte mehrmals jährlich und sogenannte Männerbrüste, die nie weggegangen sind. Die überschüssige Haut hat er sich erst kürzlich entfernen lassen, nachdem er 35 Kilo abgenommen hat. Die Veränderungen in den letzten Jahren sieht er nicht: „Ich fühl‘ mich immer noch dick und für mich bin ich noch der gleiche, der ich immer war.“ Er ist mit sich mitgewachsen und seit Kurzem zieren die orangefarbene Krebsschleife und der Schriftzug „Survivor“ seine Arme. Er möchte, dass die Leute ihn nach den Tattoos fragen, darüber nachdenken und froh sind, dass sie gesund sind. „Unglück ist auch gut. Ich habe viel in der Krankheit gelernt, das ich nirgends in meinem Leben hätte lernen können.“ zitiert Patrick Goethe und weiß, dass er sich glücklich schätzen kann.

Weitere Informationen:
• Beitrag vom Bayrischen Rundfunk „Krebs im Blut – Leukämie“
• Publikation Robert-Koch-Institut „Krebs in Deutschland – Leukämie“
• Kompetenznetz Leukämien  – Akute Lymphatische Leukämie (ALL)
• DKMS – Lass dich typisieren!

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