Zwischen Freiheit und Abhängigkeit

»Wenn du auf der Straße bist, bleibst du auch auf der Straße.«

Menschen eilen über den Bahnhofsvorplatz in Oldenburg. Der Himmel ist bedeckt, jeder versucht, den Schal enger zu binden und die Hände tiefer in die Jackentaschen zu stecken. Die feuchte Kälte kriecht einem unter die Haut, aber zum Glück regnet es nicht. Am liebsten bleibt man zu Hause, trinkt Tee und genießt die Wärme.

Bodo (56) hat diese Möglichkeit nicht, denn er hat keine Wohnung. Sein Zuhause ist der Friedhof, auf dem er »Platte macht«, also übernachtet. Jeder Obdachlose hat seine persönliche Geschichte, die ihn in diese Lage gebracht hat. Laut Diakonie sind es „Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters, mit ganz unterschiedlichen Lebenserfahrungen und zumeist verstrickt in äußerst schwierige Problemlagen.“

Bodo - häufig sind Obdachlose drogenabhängig
Bodo – häufig sind Obdachlose drogenabhängig

Um den Menschen in Oldenburg Unterstützung anzubieten, gibt es verschiedene Anlaufstellen. Dazu gehört auch die ambulante Wohnungslosenhilfe (AWH), die seit 1984 in Oldenburg besteht.

Wohnungslosenhilfe kämpft mit Wohnraumknappheit

Die AWH mietet Wohnungen in Oldenburg an, die an Obdachlose untervermietet werden. Zurzeit sind das zehn Wohnungen im ganzen Stadtgebiet. Wenn alles gut läuft, wird der Untermieter als Nachmieter vorgeschlagen. »Der Wohnungsmarkt in Oldenburg hat sich im Laufe der Zeit negativ verändert.« berichtet Karl Gräbe, Sozialarbeiter der Diakonie, was auch die Obdachlosensituation verschlechtert. Einwohnertechnisch sei Oldenburg die drittgrößte Stadt Niedersachsens und gehöre zu den Städten, in der die Bevölkerung in den kommenden Jahren zunehmen werde, erzählt er weiter. Daraus resultiert, dass sehr viel Wohnraum fehlen werde. Jahrelang habe dieses System funktioniert, so Gräbe, doch seit drei Jahren funktioniere es nicht mehr. Einige Obdachlose sind bei der AWH gar nicht gemeldet, weil sie die Hoffnung verloren haben, eine Wohnung in Oldenburg vermittelt zu bekommen. Auch Bodo nimmt diese Hilfe nicht in Anspruch, außerdem möchte er nicht in Oldenburg bleiben. Wenn er die Wahl hätte, würde er in Ludwigsburg wohnen und dem Beruf nachgehen, den er einmal erlernt hat, Gartenlandschaftsbauer.

»Früher war es einfacher«

Lenni ist 30, kommt gebürtig aus Jever und hatte einmal Frau, Arbeit und eine Wohnung. Auch ein Kind hat er, das er lange nicht gesehen hat. Mittlerweile lebt er seit acht Jahren auf der Straße. »Oldenburg ist schon meine Heimat, auch wenn ich hier kein Dach über dem Kopf hab’«. Wenn er Hobbies nachgehen könnte, würde er malen, Musik machen, sich irgendwie kreativ ausdrücken. Bei seinem letzten Gefängnisaufenthalt hat er angefangen ein Buch über sein Leben zu schreiben. Wenn er wieder in Haft müsste, würde er weiter daran arbeiten. Er hat nicht vor noch einmal verurteilt zu werden, »aber ich weiß, dass es zwangsläufig passiert« sagt er, »das ist nur eine Frage der Zeit.« Häufig haben Obdachlose ein Alkoholproblem, erklärt Lenni, hinzu kommen Drogen wie Cannabis oder Heroin. Auch nach acht Jahren, müsse er sich immer noch Mut zum Schnorren antrinken. Durch die Abhängigkeit von Alkohol und Heroin brauche er etwa 60 Euro am Tag zum Leben. Es kommt auch vor, dass er dafür zwölf Stunden lang schnorren muss, denn »früher war es einfacher, da hat man eher mal ’n Zweier gekriegt als 20 Cent.«

Lenni ist heroinabhängig, sein Arm ist mittlerweile stark in Mitleidenschaft gezogen
Lenni ist heroinabhängig, sein Arm ist mittlerweile stark in Mitleidenschaft gezogen

Verbote, Platzverweise und Strafen

Am Bahnhof halten Bodo und Lenni sich tagsüber oft auf, auch wenn die Stadt das nicht gerne sieht. In den letzten Jahren wurden immer mehr Verbote ausgesprochen. Es gibt in Oldenburg Plätze, an denen sich die Obdachlosen nicht mehr aufhalten dürfen. Dazu gehören unter anderem der Lockschuppen hinter dem Bahnhof, der Waffenplatz und der Bahnhof selber eigentlich auch. Halten sie sich trotzdem in kleinen Gruppen dort auf, werden von der Polizei Platzverweise von 24 Stunden ausgesprochen. Öffentliches Urinieren ist ebenfalls verboten, wie jeder weiß. Doch für die Obdachlosen kann das unter Umständen zu einem Problem werden. Die Toilette im Bahnhofsgebäude kostet einen Euro. Mischa erzählt, dass man probiere diesen Euro zu sparen und dann eher mal um die Ecke Richtung Gleise geht. Jetzt weiß er, dass das 68 Euro kostet. „Dafür hätte ich 68 Mal im Bahnhof zur Toilette gehen können.“, ärgert er sich.

Bodo ärgert sich, dass er noch nach Varel müsse, um seinen Tagessatz abzuholen. Obdachlose können sich einen Tagessatz von derzeit 13,03 Euro bei den dafür vorgesehenen Anlaufstellen abholen. Der Tagessatz wird, je nach Stadt, einige Tage im Monat gezahlt. In Oldenburg hat er seinen Tagessatz für sieben Tage schon bekommen. In anderen Städten wie Bad Zwischenahn oder Hude sind es drei Tage. Eine Maßnahme, um die Obdachlosen zum Pendeln zu bewegen. „Manchmal muss ich zwei Mal in der Woche einen anderen Ort aufsuchen!“ schimpft Bodo.

Ein Schutzraum vor der Öffentlichkeit

Auch der Tagesaufenthalt gehört zu den wenigen Rückzugsorten für Hilfsbedürftige. Täglich kommen etwa 75 bis 110 Besucher. Reinhild Hagedorn, die Leiterin der Einrichtung, erklärt, dass die Bereiche Beratung, Aufenthalt und Versorgung nur ein Teil des Angebotes sind, welches im Einzelnen allerdings sehr vielfältig sei. Der Tagesaufenthalt dient als postalische Anschrift. Ohne Anschrift kann niemand Leistungen von Ämtern geltend machen. Auch dabei unterstützen die Sozialarbeiter der Diakonie, sonst kann es dazu führen, dass Obdachlose in eine Maßnahme vermittelt werden. Gräbe weiß, dass das nicht möglich ist und die Obdachlosen sich dann fragen: „Wie soll ich eine Maßnahme bewerkstelligen, wenn ich gleichzeitig gar nicht weiß, wo ich heute Abend schlafen soll?“. Einfluss darauf haben die Sozialarbeiter allerdings nicht, sie weisen lediglich auf die besonderen Schwierigkeiten hin. Die Entscheidung liegt weiterhin beim zuständigen Amt. Sie helfen außerdem dabei, die Ansprüche auf Leistungen zu realisieren. Dazu gehört zum Beispiel die Beschaffung von Unterlagen oder das Ausfüllen von Anträgen.

Es ist nicht nur wichtig, Wohnungen zu vermitteln, sondern »mit dafür zu sorgen, dass es ihnen gelingt, in dem Wohnraum zu bleiben.« so Hagedorn. Es wird zudem, insbesondere für den Winter, witterungsgeeignetes Equipment ausgegeben, welches das Überleben unter den schwierigen Bedingungen sichern soll.

Der Aufenthaltsbereich diene in erster Linie dem Kontakt und der Kommunikation, erklärt Hagedorn. Soziale Kontakte sind wichtig, wenn man sonst nichts hat. So fungieren Bahnhof und Tagesaufenthalt unter anderem als soziale Knotenpunkte.

Im Tagesaufenthalt bekommen die Obdachlosen oft ihre einzige warme Mahlzeit am Tag. »Ein Mittagessen, das der Situation, auf der Straße leben zu müssen, Rechnung trägt.« erklärt Hagedorn. Auch die medizinische Versorgung ist gewährleistet und das werde sehr stark in Anspruch genommen. Hierfür steht eine Krankenschwester für die Grundversorgung zur Verfügung, aber auch ein Allgemeinmediziner und ein Zahnarzt sind regelmäßig zu sprechen.

Die Lebenserwartung sinkt stark

»Wenn du auf der Straße bist, bleibst du auch auf der Straße.« meint Lenni. Die Drogenabhängigkeit unter den Obdachlosen ist stark ausgeprägt. Deshalb sinkt die Lebenserwartung trotz medizinischer Betreuung mit jedem Bier oder jeder eiskalten Nacht. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Bodo wischt ein paar Tropfen von seinem blauen Schlafsack, der auf dem Gepäckträger seines Fahrrads klemmt. „Das ist das Schlimmste“, sagt er „der Regen. Gegen Kälte kann man sich schützen, gegen Sonne sucht man Schatten, aber wenn du einmal nass bist.“ Die Obdachlosen nehmen ihre Sachen, suchen Schutz unter dem Vordach des Bahnhofsgebäudes und hoffen, dass sie von dort nicht vertrieben werden. Die vorbeigehenden Passanten werden gefragt, ob sie vielleicht ein bisschen Kleingeld übrig hätten, aber das haben die wenigsten.

Nicht nur vor Kälte und Regen müssen sich die Obdachlosen schützen. Neben vielen positiven Erfahrungen, bei denen Menschen freundlich auf sie zukommen und ihnen nützliche Dinge oder Nahrungsmittel schenken, gibt es auch Menschen, die ihnen nicht so wohlgesonnen sind. Bodo redet nicht gerne darüber, aber erzählt dann doch: „Kamen drei Typen an: ‚Na, alles klar Alter?‘, sagst so leichtsinnig ‚Prost‘, weil die auch Bier inner Hand hatten – Jugendliche, so Halbstarke – auf einmal kam einer aus‘m Gebüsch gesprungen mit‘m Baseballschläger.“ Er wird wütend „Tust keinem Menschen was. Gerade wir, wir wollen unsere Ruhe haben!“ So eine oder ähnliche Situationen kommen öfter vor und nicht immer sind die Obdachlosen dabei wach, sondern schlafen eventuell gerade und haben nicht so viel Glück wie Bodo.

Es ist nicht leicht, sich alleine aus dieser Situation zu befreien. Hilfe vom Amt möchten viele Obdachlose trotzdem nicht, weil ihnen Vorschriften gemacht werden und sie sich dadurch eingesperrt fühlen. Auch Lenni möchte nichts mit dem Amt zu tun haben, er nimmt nicht einmal den Tagessatz in Anspruch, damit er nicht pendeln muss. Man gewöhne sich daran und eigentlich wolle er weiter auf der Straße leben, denn auf der Straße könne er frei sein.

Quelle: jade.impuls

Weitere Informationen:

• Statistikbericht der Diakonie
Diakonie Oldenburg


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